Die Mehrheit der Deutschen beschäftigt sich eher nicht täglich mit Versicherungen. Und eben dieser Mehrheit zufolge, brauchen Ingenieure keine Berufsunfähigkeitsversicherung. Die Weisheit der Masse funktioniert eben nur bei Schätzfragen. Wenn ich wissen will, wie viele Sandkörner in einen 1l-Flasche passen, dürfte das Ergebnis sehr nahe an der Wahrheit sein. Aber sobald ich Hintergrundwissen benötige, ist die Weisheit der Masse eben unscharf.

Und trotzdem wollen wir der Masse glauben. Deshalb frage ich mal ganz offen, warum oder wann brauchen Ingenieure keine Berufsunfähigkeitsversicherung.

Was ist Berufsunfähigkeit?

Es kann ja schon mal sein, dass die Experten sich täuschen und die Masse recht hat. Keine Frage. Deswegen erklär ich auch erstmal, wieso die Aussage schon mal stimmen kann. Aber als erstes erklär ich mal, was Berufsunfähigkeit ist. Und wie die Versicherung funktioniert. Berufsunfähig bin ich dann, wenn ich wegen einer gesundheitlichen Einschränkung 6 Monate am Stück oder länger nur noch zur Hälfte arbeiten kann. Das kann psychische aber auch körperliche Gründe haben. Burn-Out wäre also mitversichert.

Zu 50% bezieht sich einmal auf die Arbeitszeit. Hab ich vorher 8 Stunden gearbeitet und kann nur noch 4 Stunden arbeiten, gibt es Geld. Damit ist aber auch das Arbeitsergebnis gemeint. Mal angenommen, ich bin Bauingenieur und erstelle Gutachten. 10% meiner Zeit verbringe ich auf Baustellen und Gerüsten, den Rest der Zeit bin ich im Büro und werte aus, was ich gesehen habe. Und ebenso angenommen, entwickle ich Angststörungen. Das ist aber nicht weiter schlimm. Mit Tabletten kann ich an sich wieder arbeiten. Ich darf aber nicht mehr auf Gerüste steigen. Steht so in der Verpackungsbeilage.

Nehmen wir die Zeit als Berechnungsgrundlage fällt weniger als 10% weg. Ich wäre nicht BU. Aber wenn ich nicht auf das Gerüst steige, gibt es auch nix, worüber ich schreiben könnte. Ein sinnvolles Arbeitsergebnis wäre nicht möglich. Ich bin also doch BU.

Und wenn ich angestellt bin, darf der Versicherer auch nicht verlangen, dass ich meine Arbeitsstelle umorganisiere. Also, dass z.B. ein Azubi für mich aufs Gerüst klettert und Fotos macht. Und so oder so darf der Versicherer nicht verlangen, dass ich zukünftig halt irgendwas anderes arbeite. Eine abstrakte Verweisung ist ausgeschlossen. So nennt das der Fachmann.

Wieso brauchen Ingenieure keine Berufsunfähigkeitsversicherung?

Grundsätzlich ist es also schon möglich, dass ein Ingenieur berufsunfähig ist. Allerdings ist er in den meisten Fällen wohl auch erwerbsgemindert und hat Anspruch auf die gesetzliche Erwerbsminderungsrente. Diese leistet, wenn ich in keinem Beruf am allgemeinen Arbeitsmarkt mehr arbeiten kann. Und welcher Beruf ist schon so körperlos, wie der eines Ingenieurs. Allerdings gibt es hier nur den Zeitwert. In dem vorher genannten Beispiel gäbe es keine Leistung. Denn ich könnte ja noch mehr als 3 Stunden arbeiten. Ob sinnvoll oder nicht, interessiert nicht so sehr.

Vielleicht verwechseln die meisten Menschen ja diese beiden Leistungen. Oder sie wissen nicht, wie leistungsstark die BUV ist. Denn nur, wenn der reine Zeitwert relevant wäre, brauchen Ingenieure keine Berufsunfähigkeitsversicherung. Da das sinnvolle Arbeitsergebnis eine Rolle spielt, ist es irgendwie schon sinnvoll.

Und mal außer Frage, ob die staatliche Absicherung gut oder schlecht ist… Es ist eigentlich immer zu wenig. Ich bekomme nur etwa 35% von meinem vorherigen Gehalt. Bei der Berufsunfähigkeitsversicherung kann ich meine Ausgaben absichern. Bis zu 60% vom Brutto. Oder 70%-80% vom Netto. Kommt auf den Versicherer an.

Ingenieure sollten also eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen, wenn sich besser und höher absichern möchten.

Wann brauchen Ingenieure keine Berufsunfähigkeitsversicherung?

Es gibt aber schon noch ein paar Möglichkeiten, wann ich als Ingenieur auf eine zusätzliche Absicherung verzichten kann. Am ehesten nämlich, wenn ich so viel Geld habe, dass ich mein Arbeitseinkommen nicht brauche, um meine monatlichen Ausgaben zu decken. Oder ich so bescheiden bin. Geht auch.

Bei Ingenieuren dürfte es oft mal passieren, dass ich so mit 60 Jahren zwar noch weiterarbeiten kann und das auch will, aber das Haus abbezahlt ist, die Kinder aus dem abbezahlten Haus raus und auch ein Haufen Geld auf der Seite liegt. Die staatliche Absicherung dürfte ausreichen. Wer sein Leben so plant, muss sich nicht zwingend bis 67 gegen BU versichern. Vor allem nicht, weil eine BUV bis 67 etwa das Doppelte einer BUV bis 60 kostet.

Wenn ich mich für diesen Weg entscheide, trage ich aber das Risiko, dass ich schon weit vorher berufsunfähig werde und nicht mehr fürs Alter vorsorgen kann wie geplant. Um dieses Risiko zu minimieren, empfiehlt es sich, eine Rentenversicherung mit Beitragsbefreiung bei BU abzuschließen. Diese zahlt dann der Versicherer weiter, wenn ich berufsunfähig bin.

Brauchen jetzt Ingenieure eine BUV?

Ingenieure sind tatsächlich nicht so gefährdet, aus körperlichen Gründen berufsunfähig zu werden. Aber psychische Erkrankungen führen auch hier schnell zur Berufsunfähigkeit. Und die machen gut 40% aller Fälle aus. Bei Ingenieuren zumindest. Aber deswegen ist die BUV für Ingenieure auch viel günstiger als für andere Berufe.

Ich muss mir also nicht unbedingt überlegen, wie wahrscheinlich ein Risiko ist, sondern ob ich die finanziellen Folgen selbst oder mit Hilfe des Staates tragen könnte. Wenn hier die Antwort “Ja!” lautet, brauchen Ingenieure keine Berufsunfähigkeitsversicherung. Wenn ich aber meinen Lebensstandard nicht halten könnte, muss ich eine abschließen.

Und wer Angst hat, dass die Versicherer nie zahlen, muss sich einfach einen Experten suchen, der mich dann bei der Beantragung unterstützt. Oder einfach bei mir melden. Geht auch.

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